Meine Spiele

Olympische Spiele. Ein Kindheitstraum wird wahr.
Eine Woche zuvor reisten wir gemeinsam mit dem gesamten Team nach Obertilliach zur unmittelbaren Vorbereitung. Eigentlich war alles wie immer – und doch gleichzeitig anders. Besonders. Plötzlich tragen alle die olympische Einkleidung mit den fünf Ringen auf der Brust, und jedem ist bewusst: Da steht etwas ganz Großes vor der Tür. Die Qualität im Training war von Anfang an sehr hoch. Jeder war fokussiert, jeder wusste, worum es geht.
Ankommen in Antholz – eine besondere Atmosphäre
Nach einigen sehr guten Trainingstagen war es so weit. Nun ging es los. Die Anreise von Obertilliach nach Antholz war entspannt, nur etwas mehr als eine Stunde. So könnten Anreisen von mir aus immer sein. Doch kaum in Antholz angekommen, merkten wir schnell: Hier ist vieles anders als bei einem normalen Weltcup. Nach der Akkreditierung mussten wir unsere Waffen im Stadion in einer Waffenkammer einschließen. Im Gegensatz zum Weltcup blieben sie also dauerhaft im Stadion, hinter verschlossener Tür. Routinen wie mein tägliches Trockentraining funktionierten plötzlich nicht mehr so einfach. Anstatt eine Papierscheibe im Hotelzimmer aufzuhängen, musste man erst mit einem Shuttle ins Stadion fahren, die Waffe holen und in einen speziellen Trockenraum gehen. Kein riesiger Aufwand, aber eben ungewohnt. Auch das Stadion selbst fühlte sich anders an. Alles wirkte größer, bedeutender. Wo sich sonst Werbebanden aneinanderreihen, waren nun überall die olympischen Ringe zu sehen.
Man konnte die Freude, aber auch die Anspannung bei allen spüren. Es war eben doch etwas ganz Besonderes. So sagte Tobi bei einer der ersten Besprechungen einen Satz, der mir im Kopf geblieben ist:
„Wir müssen es schaffen, das Normale im Besonderen zu machen.“

Ein Moment, von dem ich immer geträumt habe
Und dann war der Tag gekommen. Die Spiele wurden eröffnet, und ich war unglaublich froh, dieses Ereignis miterleben zu dürfen. Schon als Kind habe ich keine Eröffnungsfeier vor dem Fernseher verpasst und immer davon geträumt, selbst einmal mit der deutschen Mannschaft ins Stadion einzulaufen. Leider hatte sich der Großteil unseres Teams dagegen entschieden, nach Cortina zu fahren. Für mich stand die Entscheidung jedoch sofort fest. Ich wollte unbedingt dabei sein. Und ich habe es keine Sekunde bereut.

Der erste Härtetest – der Einzel
Vier Tage später stand mein erstes olympisches Rennen auf dem Programm: der Einzelwettkampf über 20 km. Nach meiner Krankheitspause im Januar wusste ich nicht genau, wo ich konditionell stehe. Ein eher durchwachsenes Testrennen ein paar Tage zuvor hatte mein Selbstvertrauen nicht unbedingt gestärkt. Gleichzeitig wusste ich aber, dass mir die 20 km liegen und im Einzel immer alles möglich ist. Deshalb ging ich optimistisch an den Start und freute mich sehr auf das Rennen.
Ich fühlte mich gut vorbereitet, hatte meine gewohnte Wettkampfroutine durchgezogen und war auch mental perfekt auf das Rennen eingestellt. Schon auf der ersten Runde merkte ich, dass sich mein Körper wieder stark anfühlt und die Ski sehr gut laufen. Umso ernüchternder war es, beim ersten Schießen direkt zwei Scheiben stehen zu lassen. In diesem Moment war mir klar, dass alles, wovon ich geträumt hatte – ein perfektes Rennen und der Kampf um die Medaillen – nicht mehr möglich sein würde.
Diese Enttäuschung zog sich durch das gesamte Rennen. Der Fokus am Schießstand war nicht mehr so klar, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich versuchte, zumindest läuferisch eine starke Leistung zu zeigen, um mir Selbstvertrauen für die kommenden Rennen zurückzuholen. Mit der neunten Laufzeit gelang mir das auch. Ich wusste wieder, dass ich körperlich in der Lage bin, mit den Besten mitzuhalten. Trotzdem überwog zunächst die Enttäuschung über meine Leistung am Schießstand.
Vertrauen zurückgewinnen
Ich hatte nun einen Tag Zeit, um mich mental auf das nächste Rennen einzustellen und mir das nötige Selbstvertrauen am Schießstand wieder zu erarbeiten. Tobi hatte im Einzelwettkampf ein paar technische Fehler bezüglich des Atemstopps entdeckt und überlegte sich für den Zwischentag Schießübungen, um mich wieder an die optimale Technik zu erinnern. Wir arbeiteten intensiv am Schießstand. Ich durfte dabei nur auf Papier schießen, um mich nicht von dem geschossenen Ergebnis ablenken zu lassen, sondern den vollen Fokus auf die Technik zu legen. Nach dem Training zeigte mir Tobi die Scheibe. Von etwa 100 Schuss hatte kein einziger das Ziel verfehlt. Das war ein wichtiges Signal. Es zeigte mir, dass ich treffen werde, wenn ich mich konsequent auf meine technischen Abläufe konzentriere. Mit diesem Gefühl startete ich am nächsten Tag in den Sprint.
Der Sprint – zurück in den Top 10
Natürlich träumte ich auch hier von einer Medaille. Im Dezember hatte ich gezeigt, dass ich das Potenzial für das Podium habe. Ich war erneut sehr gut eingestellt und bereit, alles zu geben. Am Schießstand blieb ich fokussiert und ruhig. Neun Schüsse fanden ihr Ziel. Der letzte leider nicht. Das war ärgerlich, aber selbst mit zehn Treffern wäre an diesem Tag der Kampf um die Medaillen außer Reichweite gewesen. Am Ende stand ein zehnter Platz, mit dem ich vor allem nach dem enttäuschenden Einzel zufrieden sein konnte.

Die Verfolgung – ein solides Rennen
Zwei Tage später folgte die Verfolgung. Mit 1:09 Minuten Rückstand war meine Ausgangsposition nicht ideal, aber auch nicht hoffnungslos. Mir war klar: Ich brauche ein perfektes Rennen und muss auf Fehler der anderen hoffen. Auf der ersten Runde fühlte ich mich stark und führte meine Gruppe an. Die ersten beiden Schießen arbeitete ich sehr konzentriert und ruhig ab und freute mich über zehn Treffer bei nicht ganz leichten Windverhältnissen. Leider musste ich beim Verlassen des Stadions immer wieder feststellen, dass sich niemand in der Strafrunde befand und ich trotz zweier fehlerfreier Schießen weiterhin auf Platz 10 unterwegs war. Die beiden Stehendschießen verliefen dann allerdings nicht mehr so optimal. Mit 2/1 hatte ich keine Chance, weiter nach vorne zu kommen, und lief am Ende von Platz 10 auf Platz 11.
Zehnter und elfter Platz bei Olympischen Spielen sind bestimmt keine schlechten Leistungen. Aber wir wissen natürlich auch, dass Biathlon-Deutschland an Medaillen gemessen wird. Und genau darum ging es zwei Tage später. Unser Highlight stand an: die Männerstaffel.
Das große Highlight – ein Traum von Edelmetall
Die Entscheidung über die Aufstellung fiel schnell. Justus ist der beste Startläufer der Welt, David passt mit seinen Fähigkeiten perfekt auf Position zwei. Blieb nur noch die Frage, wer auf Schluss laufen wird. Phil hatte am Schießstand zuletzt nicht sein bestes Gefühl, während ich mir durch stabile Leistungen wieder Selbstvertrauen erarbeitet hatte. Deshalb entschieden sich die Trainer, mich auf die Schlussposition zu setzen und Phil mit seiner sehr guten Laufform auf die drei.
Staffeln sind immer etwas ganz Besonderes. Allein die Tatsache, dass man nicht nur für sich selbst läuft, macht einen deutlich nervöser als sonst. Und gefühlt hat sich diese Nervosität durch den olympischen Rahmen noch einmal potenziert. Ich muss gestehen: So aufgeregt, wie an diesem Tag war ich selten. Und ich glaube, mit dieser Aufregung war ich nicht allein. Wir hatten uns diesen Moment den ganzen vergangenen Sommer über ausgemalt. Immer wenn wir im Training künstliche Drucksituationen geschaffen haben, stellten wir uns vor, wir sind Teil der olympischen Männerstaffel in Antholz.
Das Staffelrennen
Und plötzlich war es Realität. Ich saß in der Kabine. Der Startschuss war bereits gefallen, Justus war bereits unterwegs, und ich versuchte, so wenig wie möglich vom Renngeschehen mitzubekommen. Ich schaute an mir herunter, sah die Startnummer mit den olympischen Ringen und die Vier für den Schlussläufer. Alter Latz. Schlussläufer der deutschen Männerstaffel bei Olympia. Hätte mir das jemand als Kind gesagt, ich hätte es sofort unterschrieben. Meine Gedanken kreisten ununterbrochen. Von „Heute ist mein Tag“ bis „Ich weiß nicht, ob ich das kann“ war alles dabei.
Etwa 30 Minuten vor meinem persönlichen Rennstart begann ich mit meinem gewohnten Warm-up. Schritt für Schritt kehrte dabei etwas Ruhe zurück, und die unerträgliche Nervosität wurde zumindest ein Stück weit erträglicher. Beim Warmlaufen sah ich die anderen Schlussläufer und dachte mir: Es geht allen gleich. Dieser Gedanke half mir. Ich schaffte es, die positiven Gedanken in den Vordergrund zu stellen und ging selbstbewusst, mit breiter Brust, in den Startbereich. Dort wurde mir allerdings schnell klar, dass der Rennverlauf bisher nicht optimal war. Wir hatten bereits einen deutlichen Rückstand auf die ersten drei Nationen. Trotzdem wusste ich: Staffeln haben ihre eigenen Gesetze. Aufgeben war also keine Option.

Schlussläufer bei Olympia
Phil holte alles aus sich heraus und übergab an mich. Ich lief aggressiv aus dem Stadion heraus und hoffte, dass an der Spitze vielleicht etwas taktiert wird. Doch als ich zum ersten Schießen kam, waren Perrot und Christiansen bereits außer Reichweite. Samuelsson hingegen lag noch auf der Matte und musste nachladen. Als ich mich neben ihn legte, versuchte ich, mich bemerkbar zu machen. Ich atmete bewusst laut und hoffte, ihn dadurch etwas nervös machen zu können. Nervös wurde am Ende allerdings nur ich selbst. Samuelsson traf, und meine Anschlagseinnahme fühlte sich nicht perfekt an. Es folgte eine nervöse, leicht hektische Schießeinlage, bei der ich alle drei Nachlader benötigte. Als ich das Stadion verließ, war mir klar: Die Medaillen sind weg.
Beim Stehendschießen war ich komplett allein am Schießstand. Vor mir niemand in Sicht, hinter mir ein deutlicher Abstand. Ich traf alle fünf Scheiben und lief auf Platz vier ins Ziel.
Danach gab es erst einmal nur Enttäuschung. Das war unsere größte Chance auf Edelmetall gewesen. Das gesamte Team hatte alles dafür getan, diesen Traum wahr werden zu lassen. Am Ende haben einige von uns nicht ihre Bestleistung gezeigt. Wir waren an diesem Tag einfach nicht stark genug.
Die letzte Chance – der Massenstart
Eine letzte Chance blieb der Massenstart. Nach der Staffel hatte ich das Gefühl, meine Bestleistung durch den enormen Druck und die endlose Nervosität nicht abrufen zu können. Deshalb wollte ich mit einer anderen mentalen Einstellung an den Start gehen. Ich erinnerte mich bewusst an die besten Rennen der bisherigen Saison. Welche Gedanken hatte ich dort? Welche Einstellung? Welche Gefühle? Mir wurde klar, dass ich in diesen Rennen deutlich entspannter, gelassener und mit mehr Freude am Start gestanden hatte. Vor allem hatte ich das Schießen weniger zerdacht. Ich schrieb mir diese Gedanken auf und las sie mir am Morgen des Massenstarts noch einmal durch.
Ich ging mit Vorfreude ins Stadion und nahm mir vor, dieses letzte olympische Rennen noch einmal bewusst zu genießen. Und genau das tat ich. Ich war locker, aber gleichzeitig fokussiert. Am Schießstand konzentrierte ich mich nur auf mich selbst und blendete alles um mich herum aus. Auf der Strecke merkte ich allerdings schon in der zweiten Runde, dass es heute kein perfekter Tag sein würde. Ich musste mit meinen Kräften haushalten und versuchte, clever im Windschatten der anderen zu laufen.

Kein Platz tut so weh wie Platz vier
Als ich nach dem letzten Schießen die Strafrunde verließ und das Stadion förmlich eskalierte, wusste ich: Jetzt geht es um alles. Ich versuchte, aggressiv zu bleiben, aber gleichzeitig locker. Am ersten Anstieg erfuhr ich, dass Fillon Maillet nur sechs Sekunden hinter mir lag. An diesem Tag war er der mit Abstand stärkste Läufer. Ehrlich gesagt hätte ich mir jeden anderen in dieser Situation gewünscht. Aber der Sport ist kein Wunschkonzert. Er holte mich an der Huber Alm ein und ließ keinen Zweifel aufkommen. Ich gab alles, was noch in mir steckte, aber mehr war an diesem Tag nicht möglich. Ich überquerte erschöpft und enttäuscht die Ziellinie und musste den anderen beim Feiern zusehen. Niemals hätte ich gedacht, dass sich ein vierter Platz einmal so schmerzhaft anfühlen kann.
Bei einem Weltcuprennen überwiegt bei so einem Ergebnis die Freude. Bei Olympia fühlt es sich anders an: als sei der 4. Platz nichts wert.
Olympia – eine Erfahrung fürs Leben
Mit ein paar Tagen Abstand kann ich sagen: Ich bin stolz, zum Saisonhöhepunkt ein nahezu perfektes Rennen gezeigt zu haben, auch wenn es am Ende nicht für eine Medaille gereicht hat.
Alles in allem nehme ich viele besondere Momente, wertvolle Erfahrungen und große Emotionen mit. Und ich weiß, dass ich mein Leben lang positiv auf diese Olympischen Spiele zurückblicken werde.

