Letztes Trimester – ein Abschluss mit Höhen, Tiefen und vielen Erkenntnissen

Die Olympischen Spiele lagen hinter uns, doch die Saison war noch lange nicht vorbei. Drei Weltcup-Wochen standen noch auf dem Programm: Kontiolahti, Otepää und Oslo.

Nach einer Saison, die, wie so oft im Biathlon, von Höhen und Tiefen geprägt war, hatte ich mir für das letzte Trimester noch einmal einiges vorgenommen. Vor allem am Schießstand wollte ich mir selbst beweisen, dass die guten Ergebnisse von Antholz kein Zufall waren.

Kontiolahti

Einzel

Wir machten uns auf den Weg nach Kontiolahti, mit dem Bus nach München, Flug nach Helsinki, weiter mit dem Zug nach Joensuu ins Mannschaftshotel. Zwei Trainingstage blieben uns bis zum ersten Wettkampf.

Zuerst stand das 20 km Einzelrennen auf dem Programm. Deshalb versuchte ich mich im Training bestmöglich auf den Schießstand einzustellen und fokussierte mich auf langsameres, aber dafür sicheres Schießen.

Das Rennen startete optimal. Eine gute erste Runde, ein erstes ruhiges und kontrolliertes Liegendschießen und ein sehr sicheres Stehendschießen, bei dem wirklich nichts gewackelt hat. Ich erinnere mich noch gut an meine Gedanken auf der dritten Runde. Ich hatte ein richtig gutes Gefühl und war mir sicher, dass ich es schaffen werde, noch zwei Mal Null zu schießen. Aber falsch gedacht. Beim dritten und vierten Schießen blieben jeweils zwei Scheiben stehen. Am Ende wurde es Platz 32 – ein Ergebnis, das sich deutlich schlechter angefühlt hat, als es zwischenzeitlich aussah.

Staffel

Viel Zeit zum enttäuscht sein blieb jedoch nicht, denn am nächsten Tag stand die Männer-Staffel an. Wir gehörten nicht zu den Top-Favoriten, aber mit vier guten Leistungen war der Sprung auf Podium definitiv möglich.

Lucas machte den Anfang und übergab mit wenig Rückstand auf die Spitze. Danach kam Phil, der den Unterschied machen sollte, denn er hatte sich schon im Einzel extrem stark präsentiert. Auch er machte einen guten Job und konnte den Anschluss zur Spitze halten. Dann war unser Jüngster an der Reihe: Leonhard alias Hardi.

Ich kam gerade von meinem Warm-up aus den finnischen Wäldern zurück und musste leider feststellen, dass Hardi im Liegendschießen große Probleme hatte und zweimal in die Strafrunde musste. In diesem Moment war mir sofort klar, dass unsere Chancen auf das Podium dahin waren. Natürlich war ich enttäuscht. Gleichzeitig wusste ich aber auch, wie brutal sich so etwas anfühlt. In einer Staffel in die Strafrunde zu müssen, gehört zu den schwierigsten Situationen, die man im Biathlon erleben kann. Ich habe dieses Gefühl selbst schon mehrfach erlebt und wusste genau, was in ihm vorgeht.

Ich musste dabei an eine Staffel in Östersund denken, nach der ich völlig frustriert in der Kabine saß und am liebsten im Boden versunken wäre. Damals kam Erik zu mir, machte einen niveaulosen Witz und als ich dann wieder lächelte, meinte er: „ist doch alles halb so wild“. So oder so ähnlich haben wir dann auch Hardi empfangen.

Massenstart

Am nächsten Tag stand für mich der Massenstart an, wie Tobi gerne sagt: die „Champions League“ des Biathlons. Die besten 30 der Welt, alle starten gleichzeitig.

Das Rennen war von Beginn an extrem schnell, und das Niveau unglaublich hoch. Beim ersten Schießen trafen 22 Athleten alle fünf Scheiben. Ich gehörte nicht dazu und musste direkt in die Strafrunde. Damit war ich von Anfang an im Hintertreffen. Auf der zweiten Runde versuchte ich, die Lücke zu schließen und investierte viel. Doch gegen dieses Feld wird jeder Fehler sofort bestraft, die Lücke wurde eher größer als kleiner. Beim zweiten Schießen blieb ich fehlerfrei und hoffte, wieder Anschluss an eine Gruppe zu finden. Doch ich war erneut auf mich allein gestellt. Im Stehendschießen kamen dann noch drei Fehler dazu. Am Ende lief ich enttäuscht als 26. von 30 ins Ziel. So hatte ich mir die Weltcupwoche in Kontiolahti auf jeden Fall nicht vorgestellt.

Otepää

Sprint

Am nächsten Tag ging es weiter nach Otepää, wo im kommenden Jahr die Weltmeisterschaften stattfinden werden. Ich war schon lange nicht mehr dort und habe mich sehr auf den Ort gefreut. Untergebracht waren wir in einer Art Olympiastützpunkt, etwa 15 Minuten vom Stadion entfernt. Da das erste Rennen erst am Freitag anstand, hatten wir noch etwas Zeit zur Vorbereitung. Wir nutzten die Tage für lockere Einheiten, liefen durch die estnischen Wälder und genossen das gute Wetter an den noch zugefrorenen Seen. Die Vorhersage für das Wochenende sah allerdings deutlich schlechter aus: Regen am Freitag und jede Menge Wind am Wochenende und genauso kam es dann auch.

Am Sprinttag war es nass und ungemütlich, aber das tat der Motivation keinen Abbruch. Gerade am Schießstand hatte ich mir in den Tagen zuvor ein gutes Gefühl erarbeitet und wollte dieses im Rennen umsetzen. Körperlich fühlte ich mich eher müde und hatte Respekt vor den nicht ganz einfachen und sehr langsamen Bedingungen.

Im Rennen war es dann genau umgekehrt. Läuferisch fühlte ich mich stark und kraftvoll, am Schießstand dagegen zu unruhig. Ein Fehler liegend, zwei stehend – wieder zu viel. Nach dem Rennen war ich ziemlich genervt, weil ich gesehen habe, wie viel an diesem Tag mit einem besseren Schießen möglich gewesen wäre. Und gerade zum Saisonende wollte ich mir noch einmal beweisen, dass ich Laufen und Schießen zusammenbringen kann.

Phil hat an diesem Tag gezeigt, wie es geht. Ein perfektes Rennen, zehn Treffer und Platz drei. Das hat uns als Team gutgetan. Bei den meisten anderen lief es eher durchwachsen, aber genau in solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig die Teamdynamik ist. Wir haben es geschafft, die Stimmung trotzdem positiv zu halten und uns gegenseitig aufzubauen. Am Nachmittag gab es eine Runde Spikeball, Kaffee und Kuchen. Danach sah die Welt  schon wieder etwas anders aus.

Verfolgung

Am Samstag folgte dann eines der wildesten Biathlon  Rennen meiner Karriere. Schon auf dem Weg zum Frühstück sahen wir die Bäume im Wind schwanken und wussten, das wird heute am Schießstand nicht einfach.

Und so kam es. Der Wind hat uns alles abverlangt und das Schießen zu einer echten Herausforderung gemacht. Teilweise war an ruhiges Zielen kaum zu denken, geschweige denn an konstante Treffer.

Im Liegendschießen kam ich noch vergleichsweise gut zurecht. Mit null und zwei Fehlern war ich unter diesen Bedingungen zufrieden. Doch im Stehendschießen wurde es richtig schwierig. Der Wind griff voll an, und man merkte deutlich, wie viel Angriffsfläche der Körper bietet. Beim dritten Schießen war ich überrascht, überhaupt drei Schüsse ins Ziel zu wackeln. Auch das Geschehen um mich herum hat gezeigt, wie extrem die Bedingungen waren, links und rechts hagelte es Fehler, Dreier- und Viererserien waren eher die Regel als die Ausnahme.

Vor dem letzten Schießen wurde es dann plötzlich etwas ruhiger. Als ich mich eingerichtet hatte, ließ der Wind ein wenig nach. Natürlich wollte ich diese Chance nutzen und habe versucht, schnell zu schießen. Im Nachhinein vielleicht etwas zu schnell, ich wurde hektisch und musste am Ende noch einmal drei Scheiben stehen lassen.

Alles in allem war es ein Rennen, das vor allem durch die Bedingungen geprägt war. So viele Strafrunden wie heute sieht man selten. Ein Tag, der definitiv in Erinnerung bleibt.

Mixed-Staffel

Nach den beiden Einzelrennen stand noch die Mixed-Staffel an und ein Blick auf die Wettervorhersage ließ nichts Gutes erahnen. Der Wind sollte uns auch hier wieder begleiten.

Phil ging auf Position eins ins Rennen und machte einen richtig starken Job. Trotz der schwierigen Bedingungen am Schießstand blieb er cool, nutzte seine Nachlader und vermied die Strafrunde. Mit nur wenigen Sekunden Rückstand übergab er an mich, eine super Ausgangsposition.

Auf meiner ersten Runde bildete sich schnell eine Führungsgruppe. Doch kurz vor dem Stadion wurde das Tempo plötzlich rausgenommen. Jeder wusste, was jetzt kommt: Taktik pur. Niemand wollte als Erster zum Schießstand und damit auf Bahn eins. Diese war durch eine Wand etwas windgeschützt, was aber auch bedeutete, dass dort ganz andere Bedingungen herrschten als auf den restlichen Ständen.

Ich hatte mich im Vorfeld genau auf so eine Situation vorbereitet. Mir war klar, was zu tun ist, falls ich vorne reinlaufe und diesen Stand nutzen muss. Also habe ich meine Visierlinie am Diopter angepasst und losgelegt. Doch die Scheiben wollten einfach nicht fallen. Ich wurde unsicher, habe ich zu wenig gedreht, oder vielleicht sogar in die falsche Richtung? Selbst mit drei Nachladern schaffte ich es nicht, alle fünf Scheiben abzuräumen. Strafrunde.

Im Stehendschießen wurde es dann nicht besser, im Gegenteil. Der Wind frischte noch einmal auf und machte das Treffen extrem schwierig. Von acht Schüssen fanden nur drei ihr Ziel, und ich musste gleich zwei weitere Strafrunden laufen. In diesem Moment war klar: Das kostet richtig Zeit. Am Ende verlor ich über zwei Minuten auf die Spitze und übergab weit abgeschlagen an Selina.

Die Mädels haben danach wirklich einen richtig starken Job gemacht und uns noch einmal zurück auf Platz fünf gebracht. Das war alles andere als selbstverständlich an diesem Tag.

Trotzdem: Unser Ziel haben wir klar verfehlt. Und für mich persönlich war es ein harter Moment. Ich war enttäuscht und traurig, weil ich wusste, dass ich der Staffel heute nicht das geben konnte, was nötig gewesen wäre.

Und so ging also auch die zweite Woche des letzten Trimester zu Ende – ohne die erhofften Ergebnisse.

Oslo

Eine letzte Weltcup-Woche stand noch an, es ging nach Oslo zum großen Saisonfinale am Holmenkollen. Auf dem Programm: Sprint, Verfolgung und Massenstart.

Wir wohnten diesmal unten in der Stadt am Fjord und nicht wie viele andere Teams direkt oben am Stadion. Der Blick auf den Fjord war beeindruckend, und ich habe mich sehr auf diese Woche gefreut, auch, weil meine Frau Antonia nach Oslo gekommen ist, um mich zu unterstützen.

Sportlich hatte ich mir einiges vorgenommen. Zum Saisonabschluss wollte ich unbedingt noch einmal Laufen und Schießen zusammenbringen. Im Sprint ist mir das auch fast gelungen: eine gute Laufleistung, jeweils ein Fehler im Liegend- und Stehendschießen,  am Ende Platz 12. Nach zwei nicht ganz einfachen Wochen ein Ergebnis, über das ich mich wirklich gefreut habe.

Leider lief es im Verfolger dann deutlich schlechter. Weder läuferisch noch am Schießstand konnte ich an die Leistung vom Sprint anknüpfen. Es war alles eher durchschnittlich und ich wurde im Rennen Stück für Stück nach hinten durchgereicht, am Ende Platz 31.

Damit blieb noch eine letzte Chance: der Massenstart. Die besten 30 der Welt. Gleichzeitig hatte ich auch den Gesamtweltcup im Blick. Vor dem Rennen lag ich auf Platz 18, aber es war extrem eng bis Rang 22. Mir war klar: Ich brauche ein gutes Rennen, um die Top 20 zu halten.

Am Ende wurde es Platz 21 im Massenstart. Kein herausragendes Ergebnis, aber ausreichend, um Platz 18 im Gesamtweltcup zu verteidigen. Auch, weil meine direkten Konkurrenten ebenfalls nicht viele Punkte holen konnten.

Damit war sie vorbei: die Saison 2025/26

Wie so oft im Biathlon war es ein echtes Auf und Ab. Der Start in den Winter verlief richtig gut. Ich konnte mich direkt für den Weltcup qualifizieren und im ersten Rennen die Olympianorm erfüllen. Das hat unglaublich viel Druck genommen.

In Hochfilzen lief dann endlich alles zusammen, mein erstes Weltcup-Podium, ein Moment, auf den ich lange hingearbeitet habe.

Im Januar folgte mit Platz sieben beim Heimweltcup in Oberhof ein weiteres Highlight, bevor mich eine Grippeerkrankung ziemlich ausgebremst hat. Ich musste lange pausieren und habe den Rhythmus verloren. Trotzdem habe ich es geschafft, rechtzeitig wieder in Form zu kommen und bei den Olympischen Spielen an den Start zu gehen und um Medaillen mitzukämpfen, auch wenn es am Ende ganz knapp nicht für Edelmetall gereicht hat.

Ich bin trotzdem stolz. Diese Erfahrungen und Erinnerungen bleiben.

Im letzten Saisonabschnitt lief es dann leider nicht mehr ganz rund. Vor allem am Schießstand hat mir die Konstanz gefehlt, der Flow war einfach nicht mehr da. Aber genau daraus nehme ich auch viel mit. Ich weiß jetzt ziemlich genau, woran ich im Sommer arbeiten muss und darauf freue ich mich.

Jetzt heißt es erstmal durchatmen. Und das Gewehr darf für ein paar Wochen in die Ecke.